Fotografie zwischen Geometrie und Staunen

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(Text: Susanne Mendack) (Fotos: Navid Baraty)
Der amerikanische Fotograf Navid Baraty verwandelt urbane Ansichten in poetische Bildräume, in denen Höhe und Wahrnehmung die Stadt neu formen.

Navid Baraty gehört zu jenen Künstlern, die den Blick verändern. Seine Arbeiten zeigen Stadt nicht als starre Kulisse, sondern als schwebende, vieldeutige Erscheinung. In Spiegelungen, Überlagerungen und Doppelbelichtungen öffnet sich eine Bildwelt, die zugleich präzise und magisch wirkt — und genau deshalb eine so große Anziehungskraft entfaltet.

Es gibt Fotografen, die eine Stadt dokumentieren. Und es gibt Künstler wie Navid Baraty, die sie in einen Zustand versetzen, den man fast nur mit Staunen beschreiben kann. Seine Arbeiten zeigen urbane Räume nicht als fest gefügte Realität, sondern als vibrierende, mehrdeutige Bildwelt, in der sich Wahrnehmung, Licht und Struktur neu ordnen. Baraty schaut nicht einfach auf Architektur. Er bringt sie zum Schweben.

Vertrautes scheint geheimnisvoll
Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das in der Serie „Hidden City“. Aus der Höhe Manhattans beobachtet er, wie sich die Stadt in Glasfassaden sammelt und in Spiegelungen ein zweites Dasein beginnt. Straßen steigen scheinbar senkrecht nach oben, Häuserblöcke treiben über glänzende Oberflächen, bekannte Wahrzeichen zerbrechen in Fragmente und setzen sich neu zusammen. Was vertraut scheint, wird geheimnisvoll. Was massiv gebaut ist, wirkt plötzlich leicht. Genau dieser Moment der Verwandlung macht den Reiz der Serie aus. Baraty zeigt New York als verborgene, schillernde Parallelwelt — als „Hidden City“, die man erst dann erkennt, wenn man lernt, genauer hinzusehen.

Fotografie als Perspektivwechsel
Dabei ist seine Kunst weit mehr als ein Perspektivwechsel. In den Spiegelungen entsteht eine neue Ordnung, die das starre Raster der Stadt auflöst. Linien, Schatten und Fensterreihen bilden Rhythmen, die vom Boden aus unsichtbar bleiben. Selbst die Bewegung der Metropole verändert ihren Charakter: Taxis ziehen helle Spuren durch die Avenuen, Menschen verdichten sich zu kleinen Punkten, der Alltag verliert seine Hektik und gewinnt eine fast abstrakte Eleganz. Baraty gelingt hier etwas Seltenes: Er verwandelt urbane Dichte in Poesie. Seine Bilder besitzen Präzision und zugleich eine luftige Offenheit, die lange nachwirkt.

Navid Baraty schafft Kunst für Menschen, die nicht einfach ein schönes Bild suchen, sondern eine Arbeit mit Wirkung. Seine Fotografien schärfen den Blick und erweitern ihn zugleich. Sie holen die Stadt aus ihrer Selbstverständlichkeit heraus und setzen sie in ein neues, sinnliches Denken von Raum, Zeit und Wirklichkeit.

Navid Baraty lebt und arbeitet in Seattle. Er gab eine Laufbahn im Ingenieurwesen auf, um sich ganz seiner künstlerischen Arbeit zu widmen. Seine Projekte führten ihn unter anderem nach China für ein Kunstprojekt mit Apple, nach Cape Canaveral zu Raketenstarts und zu Vorträgen an eine Kunstschule in Bogotá. Baraty hat in mehreren Städten der USA gelebt, reist viel und fotografiert besonders gern entlegene Landschaften, Städte aus der Vogelperspektive und den Nachthimmel. Seine Arbeiten wurden international ausgezeichnet, weltweit publiziert und ausgestellt; dazu zählen großformatige Installationen an Flughäfen in Frankreich und Neuseeland sowie eine einjährige Ausstellung in der New Yorker U-Bahn.

www.navidbaraty.com

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