(Text: Susanne Mendack) (Fotos: David Utzon)
David Utzon lässt Bilder auf der Oberfläche wachsen: intuitiv, widerständig und immer bereit, das Ganze neu zu riskieren.
Der dänische Künstler David Utzon arbeitet dort, wo Malerei nicht abbildet, sondern entsteht: auf der Oberfläche, im Moment, im Risiko. Seine Werkgruppen – von „Abstract Serie“ über „Process Serie“ bis zur „Gold Serie“ – wirken wie Momentaufnahmen eines kontrollierten Kontrollverlusts.
In Formaten von 60 x 70 cm bis hin zu 200 x 400 cm cm verdichtet er Bewegung zu Spuren, Schichtungen zu Erinnerung.

Auf seiner Website beschreibt Utzon zwei Grundkräfte, die ihn seit Jahren beschäftigen: Strich und Oberfläche. Alles andere sei in diesem kombinierten Kontext zweitrangig; gerade die Schlichtheit dieser Regeln trage eine unendliche Kraft in sich. Diese Einfachheit ist bei Utzon jedoch nie dekorativ. Sie ist Disziplin. Jeder Strich entscheidet über Nähe oder Distanz, jede Schicht über Offenheit oder Verdichtung. Die Serie „Gold“ beispielsweise nennt als Material schlicht „Gold powder“ – doch das Metallische ist hier weniger Luxus als Störung: ein Licht, das Farbkörper kippen lässt und den Blick zwingt, zwischen Materie und Illusion zu pendeln.

Zufall der Malerei
Er arbeitet abstrakt, um offenzubleiben. Gibt es dennoch wiederkehrende Elemente, die ihn überraschen? David Utzon: „In meinen Gemälden scheint immer eine Form der Selbstentwicklung zu liegen – Farbflecken auf der Leinwand, die während des Prozesses entstehen, verleihen eine Form der Unvollkommenheit, die mir sehr gefällt. Diese wiederkehrenden – nennen wir es Geschenke oder Zufälle – die von selbst entstehen, bilden in Kombination mit der Farbgebung eine Art sich selbst generierendes Thema. In einem einzelnen Gemälde und über viele Werke hinweg.“

Chaos und Kontrolle
Den Kern seiner Praxis bildet der Prozess. Utzon betont, wie viel es ihm bedeutet, die Kunst auf der Oberfläche entstehen zu lassen. Intuition spielt eine Hauptrolle – bei Farbwahl wie Komposition. Gleichzeitig bleibt ein Widerpart präsent: Widerstand, der im Arbeiten auftaucht und Entscheidungen er-zwingt. Er beschreibt sein Vorgehen als Kombination aus Chaos und Kontrolle, als eine leitende Kraft. Wichtig ist ihm die Unmittelbarkeit der Gegenwart: die Wahl im Jetzt, die eigene Haltung in Relation zur Bildgröße, die Körperlichkeit des nächsten Schritts. Und weil er konsequent abstrakt arbeitet, können unterwegs Elemente auftauchen, die nicht geplant waren – Spuren von Rhythmus, Form, Verdichtung.
Danach gefragt, wann ihm während des Prozesses bewusst wird: Jetzt übernimmt das Bild die Führung – und wann muss er wieder die Kontrolle übernehmen, antwortet er: „Ich glaube, dass mir meine langjährige künstlerische Tätigkeit eine sehr ausgeprägte Intuition verliehen hat. Meine Bilder entstehen immer in einem Prozess der Selbstgenerierung – sie entwickeln sich weiter, nachdem ich sie begonnen habe. In Kombination mit meiner Intuition ist das die treibende Kraft hinter meinen Bildern. Ich weiß, wann ich aufhören und den Prozess übernehmen lassen muss, damit das Bild sich selbst vollenden kann.“


Revision und Intuition
Besonders faszinierend ist sein Mut zur Revision: Utzon übermalt bestehende Arbeiten und lässt alte Strukturen als geologische Schichten im neuen Bild stehen. Was zuvor „fertig“ schien, wird Material für das Nächste. So entsteht ein zusammengefasstes Universum – sein Universum, ständig in Entwicklung, in dem Vergangenheit nicht verschwindet, sondern als Spur die Gegenwart anreichert.
Wie entscheidet er, ob ein älteres Werk übermalt werden kann – und was muss im neuen Werk weiterleben? David Utzon: „Ich suche nach der Struktur in der Oberfläche des alten Gemäldes, die im neuen Gemälde verwendet werden kann, und behalte wichtige Farb- und Formelemente aus dem alten Gemälde als Erinnerungsschichten bei.“

Utzon bezeichnet seine Gemälde als ein „Universum“ in sich. Welche neuen Gesetze oder Themen tauchen in den aktuellen Arbeiten auf?
„Die aktuellen Themen sind ein chaotischer, wortloser, intuitiver Prozess und teilweise ein geplantes Unterfangen. Die Regeln, nach denen ich die zu verwendenden Farben und Techniken auswähle, variieren je nach Größe des Gemäldes – aber alle werden von meinem persönlichen intuitiven Ansatz geleitet. Diese strengen Regeln sind eine Form primitiver Gesetze, die dem jeweiligen Gemälde eine innere Struktur verleihen.“
Biografisch verankert sich seine Haltung in einer klaren künstlerischen Laufbahn: Stationen in Kopenhagen (u. a. Refshaleøen) und Gilleleje, die Arbeit als Assistent für den dänischen Künstler Bjørn Nørgård, später das Studium an der Kunstakademie Valand in Göteborg. Eigene Ausstellungen führten ihn u. a. nach Galleri U (Gilleleje), Galleri Ewald (Stege) sowie 2020 nach Rødhusgården in Jammerbugten.
Wer Utzons Bilder betrachtet, liest nicht „Motive“, sondern Entscheidungen: Verdichtungen, Korrekturen, Abrisse, Neuanfänge. Seine Malerei ist kein Endpunkt, sondern ein Zustand – und genau darin liegt ihre Sogkraft.
