(Text: Susanne Mendack | Fotos: Serge Hamad)
Der französisch-algerische Künstler Serge Hamad verwandelt Fotografien in meditative Bildräume, die über Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung reflektieren.

Es gibt Künstler, die laut auftreten, deren Werke schreien und fordern. Und es gibt Serge Hamad – einen leisen, aber eindringlichen Erzähler, der Bilder nicht nur macht, sondern sie zum Leben erweckt. Seine Arbeiten wirken wie Atemzüge zwischen zwei Welten: zwischen dem Sichtbaren und dem Erinnerten, zwischen Augenblick und Ewigkeit.

Hamad, geboren in Algerien, aufgewachsen in Frankreich und heute in New York zuhause, ist kein Künstler, der den geraden Weg gegangen ist. Bevor er in die Welt der Konzeptkunst eintauchte, war er Fotojournalist. Er berichtete aus Kriegs- und Krisengebieten, dokumentierte die Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit Gewalt, Angst und Hoffnung. In dieser Zeit lernte er, dass jedes Bild eine Verantwortung trägt – und dass der Augenblick, so brutal er auch sein mag, immer nur ein Fragment einer größeren Geschichte ist. „Ein Kunstwerk ist erfolgreich, wenn es einen Dialog auslöst“, sagt er. Dieser Satz ist nicht nur eine Haltung, sondern auch die Essenz seines Schaffens.

Seit 2010 widmet er sich der Kunstfotografie – mit einer radikalen Wendung nach innen. Seine Serie Temporal Perception ist ein poetisches Manifest der Wahrnehmung. Auf den ersten Blick sieht man Seestücke, still und weit, als hätte die Zeit dort aufgehört zu fließen. Daneben geometrische Farbflächen, minimalistisch, streng, von einer fast spirituellen Ruhe. Doch der Zauber liegt im Zusammenspiel: Die Farben stammen direkt aus den Fotografien. Die Erinnerung, die Stimmung, der flüchtige Nachhall eines Augenblicks werden in reine Töne übersetzt. Aus der Realität geboren, in Abstraktion verwandelt.

Was Hamad gelingt, ist mehr als nur ein formales Spiel. Er entzieht den Bildern die Oberfläche, um ihr Innerstes sichtbar zu machen. So wie bei Erinnerungen: Wir behalten nicht die klare Kontur eines Augenblicks, sondern den Eindruck, den er in uns hinterließ – die Wärme des Lichts, den Rhythmus der Wellen, die Weite des Horizonts. Hamads Diptychen führen uns genau dorthin: an die Schwelle, an der Sehen zu Fühlen wird. „Erst wenn das Gehirn analysiert, merken wir, wie weit wir von der kindlichen Erfahrung der Welt entfernt sind“, reflektiert er.

Seine Werke sind von einer stillen Konsequenz. Sie fordern keine Aufmerksamkeit, sie gewinnen sie durch ihre Beharrlichkeit. Wer vor ihnen steht, spürt die Einladung zum Innehalten fast wie ein leises Mantra: Schau nicht nur, erinnere. Fühle, wie Erinnerung und Gegenwart ineinanderfließen.

Dass Hamads Arbeiten international Resonanz finden, überrascht nicht. Sie wurden in den USA und weltweit ausgestellt, von Christie’s in London über Sotheby’s bis zum Robert Wilson Watermill Center. Doch wichtiger als diese Stationen ist vielleicht etwas anderes: Seine Kunst reist weniger durch Räume als durch Menschen. Sie setzt sich fest, nicht als laute Erinnerung, sondern als stiller Nachklang.


Serge Hamad ist ein Künstler der Übergänge. Zwischen seiner Vergangenheit als Bildreporter und seiner Gegenwart als visueller Poet, zwischen den Konturen der Realität und den Farbfeldern der Erinnerung, zwischen Jetzt und Damals. Seine Werke sind keine Antworten, sondern Fragen, die offenbleiben – und gerade darin liegt ihre Kraft. Sie lassen uns erkennen: Das, was vergeht, bleibt oft am stärksten in uns.

